Zwischen Wald und Erinnerung – Ein Besuch in Hrudkov im Böhmerwald
Als ich im März nach Hrudkov kam, lag die Landschaft in einem stillen Übergang. Die Wiesen waren noch braun vom Winter, die Wälder dunkel und ruhig, und in der Luft hing dieses Gefühl von etwas, das wartet. Genau hier – in diesem kleinen Ort im Böhmerwald – wurde meine Oma geboren, bevor sie nach dem Krieg vertrieben wurde. Für mich ist Hrudkov deshalb nicht nur ein Reiseziel, sondern ein Ort, an dem Familiengeschichte spürbar wird.
Hrudkov liegt heute in Tschechien. Bis 1945 war es jedoch Teil einer deutschsprachigen Kulturlandschaft, eng verbunden mit den Dörfern auf der österreichischen Seite. Die Menschen lebten von kleinen Höfen, von der Arbeit im Wald und von dem, was die Jahreszeiten brachten. Das Leben war einfach, aber verwurzelt.
Nach 1945 kam die Vertreibung. Höfe wurden verlassen, Dörfer entvölkert, vieles später abgerissen oder anders genutzt. Wenn man heute durch die Landschaft geht – besonders im März, wenn kein Grün die Spuren überdeckt – sieht man alte Obstbäume, verwachsene Steinmauern und Wege, die zu Orten führen, die keine Häuser mehr haben. Man spürt, dass hier etwas war.
Nur wenige Kilometer entfernt liegt Kaplice, die alte Marktstadt der Region. Wer von dort nach Hrudkov wandert, findet keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, sondern etwas Seltenes: Stille, Erinnerung, Herkunft.
Hrudkov ist ein Ort, der leise spricht. Und doch lange nachhallt.
