🇩🇪/🇦🇹 Karwendel (A): Sommer im Rißtal (18.06.24)

Das grüne Herz des Karwendels: Vom Rißbachgries bis Hinterriß

Hinter der beschaulichen Siedlung Hinterriß führt die schmale Mautstraße endgültig in das tiefste, unberührte Herz des Karwendelgebirges. Auf diesem letzten, spektakulären Abschnitt weicht der dichte, schattige Mischwald zunehmend zurück und gibt den Blick auf eine immer weitreichendere, hochalpine Szenerie frei. Die steilen, grauen Felswände der gigantischen Zweitausender rücken zwar noch enger zusammen, doch gleichzeitig öffnet sich der flache Talboden zu einer weiten, sonnendurchfluteten Ebene. Im warmen Hochsommer erstrahlt die gesamte Landschaft hier in einem unbeschreiblich satten, saftigen Grün, das einen lebendigen, vibrierenden Kontrast zum hellen, abweisenden Kalkstein der umliegenden Gipfel bildet.


🇩🇪 Start bei Vorderriß ins Rißbachgries

Wenn man im Hochsommer das idyllische Vorderriß besucht, offenbart sich am Übergang zur wilden Isar ein faszinierendes, landschaftliches Phänomen. Hier schlängelt sich der Rißbach normalerweise durch das weitläufige Rißbachgries, bevor er sich mit den Fluten der Isar vereint. Doch in der warmen Jahreszeit bietet sich dem Betrachter meist ein völlig anderes, fast surreales Bild: Das ausgedehnte, steinige Flussbett liegt so gut wie komplett trocken. Der entscheidende Grund dafür ist ein technisches Wehr flussaufwärts, an dem das meiste Wasser in dieser Zeit abgezogen und umgeleitet wird.

Seltener Anblick: Der Rißbach führt bis zur Isarmündung Wasser

Zurück bleibt eine beeindruckende, karge Steinwüste inmitten der sonst so üppigen Alpen. Das gleißend helle, ausgewaschene Kalkgeröll des trockenen Gries erstreckt sich als breite, raue Schneise durch das Tal. Diese riesige, vegetationslose Schotterfläche bildet einen fantastischen, extrem harten Kontrast zu den tiefgrünen, dichten Bergwäldern und den steil aufragenden, markanten Gipfeln des umgebenden Karwendelgebirges. Das weitläufige, ausgetrocknete Gelände strahlt eine raue, unnachgiebige Atmosphäre aus und dokumentiert eindrucksvoll die enormen, geologischen Kräfte, die dieses Tal über Jahrtausende geformt haben.

Nur an sehr wenigen Tagen, meist nach extrem langanhaltenden, heftigen Regenfällen, erobert sich das kühle Nassseinen ursprünglichen Weg zurück und strömt majestätisch durch das gesamte Gries bis in die Isar. An allen anderen Tagen bietet das trockene Rißbachgries jedoch ein außergewöhnlich strukturiertes, minimalistisches Motiv, das die ungebändigte, alpine Wildnis auf eine ganz eigene, faszinierend stille Weise in Szene setzt.


🇩🇪/🇦🇹 Die Niederklamm

Nur unweit des oft so trockenen Rißbachgries zeigt der Rißbach in der eindrucksvollen Niederklamm ein völlig anderes, ungestümes Gesicht. Bevor das Wasser in das breite Tal bei Vorderriß hinausströmt, hat es sich über Jahrtausende tief in den harten, grauen Kalkfels des Karwendels gefressen und eine schmale, dramatische Schlucht geschaffen. Hier, wo die steilen, blanken Felswände an vielen Stellen eng zusammenrücken, entfaltet die raue Natur ihre ganze, ungebremste Kraft.

In der tief eingeschnittenen Klamm tost und rauscht das eiskalte, klare Bergwasser oft mit ohrenbetäubendem Lärmdurch die verwinkelten Passagen. Die strömenden Wassermassen formten im Laufe der Zeit faszinierende, glattgeschliffene Auswaschungen und tiefe, kesselförmige Gumpen, in denen das Nass in den unglaublichsten, leuchtenden Türkis- und Smaragdtönen schimmert. Das dichte Blätterdach der überhängenden, tief wurzelnden Bäumelässt das warme Sonnenlicht meist nur in schmalen, gebündelten Strahlen bis auf den Grund der feuchten Schluchtvordringen, was der ohnehin schon schroffen Szenerie eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre verleiht.

Im extremen Gegensatz zu der stillen, kargen Mondlandschaft des vorgelagerten Schotterbettes spürt man in der Niederklamm die pure, konzentrierte Energie der alpinen Wildnis. Es herrscht ein feuchtes, schattiges Mikroklima, das selbst an den heißesten Sommertagen eine willkommene, tiefgreifende Abkühlung bietet. Die gewaltige Niederklammist ein zutiefst beeindruckendes Zeugnis der unablässigen, formenden Gewalt der Natur und ein landschaftliches Highlight am Rande des majestätischen Karwendelgebirges.


🇦🇹 Weiter durchs Rißtal bis nach Hinterriss

Lässt man die beeindruckende, tief eingeschnittene Niederklamm hinter sich, öffnet sich das majestätische Rißtal für eine der landschaftlich reizvollsten Routen der gesamten Alpen. Wenn man den kleinen Wagen über die gut ausgebaute, kurvenreiche Mautstraße tiefer in das Herz des Karwendelgebirges steuert, wird man unweigerlich von der schieren Gewalt der Natur in den Bann gezogen. Der wilde Rißbach wird auf dieser faszinierenden Fahrt zum ständigen, treuen Begleiter, während das schäumende, türkisfarbene Wasser immer wieder durch das dichte Grün der Ufervegetation blitzt.

Mit jedem zurückgelegten Kilometer taleinwärts verändert sich der Charakter der Landschaft spürbar. Die massiven, grauen Kalksteingipfel rücken merklich enger zusammen und bauen sich wie gigantische, unüberwindbare Wächterlinks und rechts der schmalen Asphaltstrecke auf. Die dichten, dunklen Mischwälder reichen oft bis direkt an den Straßenrand, bevor sie an den steilen Hängen in raue, karge Schuttkare und blanken Fels übergehen. Es ist eine überaus entschleunigende, atmosphärische Etappe, bei der hinter jeder sanften Biegung ein neues, noch imposanteres Panorama darauf wartet, bestaunt zu werden. Das tief eingeschnittene Tal strahlt hier eine wunderbare, raue Einsamkeitaus, die den städtischen Alltag augenblicklich in weite Ferne rücken lässt.

Schließlich öffnet sich der dichte Wald ein Stück weit und gibt den Blick auf das idyllische Hinterriß frei. Diese kleine, abgelegene Siedlung ist die einzige ganzjährig bewohnte Ortschaft im gesamten Karwendelgebiet und wirkt wie ein friedlicher, alpiner Außenposten fernab der Zivilisation. Geprägt von traditionellen, holzverkleideten Gebäuden, dem modernen Naturparkhaus und der kleinen, markanten Kirche, bietet der Ort einen harmonischen Kontrast zur wilden Natur des Tals. Hier scheint die Zeit ein wenig langsamer zu vergehen. Es ist der ideale, ruhige Ort, um eine kurze Pause einzulegen, die eiskalte, glasklare Bergluft tief einzuatmen und sich auf den finalen Abschnitt tief hinein in das Karwendel vorzubereiten.